Die Webseite der Veranstaltungsreihe beschreibt das Spaziergangs-Projekt zum Thema „Kunst im öffentlichen Raum“. Das weist auf zwei Probleme hin, die Fragen: Was Kunst ist, und die Beurteilung der Kunst im öffentlichen Raum. Öffentlicher Raum ergo viele-viele Meinungen. Sollen wir eine eigene bilden, die der anderen kennen lernen, diskutieren, etc.?
Im Voraus habe ich einen kurzen Artikel in der Zeitung „News“ am 9.19.2009 gelesen, und bin mit hohen Erwartungen hingegangen.
Also Kunstpassanten. Meine Erwartungen (und ich vermute, die von San Keller selbst) hat ausschliesslich der erste Vortrag über das Max Bill Monument von Timo erfüllt. Er wirkte kompetent, hat die Entstehungsgeschichte und die wichtigsten Daten zusammengefasst. Leider hat er damit die Erwartungen für die nachfolgenden Vorträge zu hoch gesetzt.

San Kellers Konzept, den Teilnehmern die Möglichkeit anzubieten, an der Veranstaltung einen persönlichen Beitrag zu leisten, fand ich sehr beeindruckend und offen. Ich hätte eher einen Künstler erwartet, der dem Klischee entsprechend mir Weisheit erteilt. Ganz demokratisch hat er mit den Teilnehmern den Rundgang bestimmt, und sein Honorar mit den Vortragenden geteilt. Dieses frische Verhalten, die betonte Gleichwertigkeit hat mich überrascht.
Ich habe die Veranstaltung Wort für Wort erlebt. Ehrlich gesagt, ich hatte schon bessere Erlebnisse, die mit Kunst zu tun hatten.
Das Konzept finde ich ganz spannend, die Leute erkennen zu lassen, dass sie in einer Stadt leben, die auch aus der Perspektive der Kunst betrachtet, erlebt, wahrgenommen werden kann. Vielleicht müsste man die Teilnehmerzahl kontrollieren. Natürlich messt man den Erfolg einer Veranstaltung auch anhand der Grösse der Gruppe, aber in diesem Fall war es eine Behinderung.
Bei der ersten Station des Spaziergangs hatte ich gemerkt, dass ich alte Batterien in der Kamera habe. Als eine Frau mich angesprochen hat, und ohne Einleitung über den Tod von Sophie Taeuber-Arp zu erzählen anfing, habe ich schon gedacht, dass ich hier auf mich aufpassen muss. Als sie nachher mitgeteilt hat, dass auch sie Kunst macht, war ich erstaunt, weil sie auf den zerschnittenen Veloschlauch um ihren Hals gezeigt hat. In diesem Moment suchte ich den Notausgang.
Da die Gruppe zu gross war, habe ich vom zweiten Vortrag leider nichts mitbekommen.
Die dritte Station an der Limmat war der geplante Ort für den Kran. Bei diesem persönlichen Beitrag habe ich echt bedauert, dass jeder etwas sagen darf. Bin wohl nicht zu demokratisch, aber etwas Ahnung von Kunst sollte die Person schon vorweisen, die das Wort zu sich nimmt. Einerseits hat er einen für mich glücklicherweise unverständlichen Dialekt gesprochen, andererseits konnte ich die SVP doch erkennen, und in diesem Moment interessierte es mich nicht mehr, worüber er sich da beschwert. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Politik in die Kunst gemischt wird. Tja, ich bin eine unverbesserliche, hoffnungslose Idealistin. Ob etwas Kunst ist, oder nicht, wird sowieso nicht unsere schnell rekrutierte Gruppe aus Interessierten und Laien am Limmatufer entscheiden. Oder doch, und das ist eben das Ziel der Veranstaltung? Uns die Kunst zu entdecken?
Es hat einen zum Nachdenken gebracht, als der „Vortragende“ zum Thema „Kran“ so wütend die Frage gestellt hat, was Kunst sei. Seiner Meinung nach sei das Max Bill Monument Kunst, aber der geplante Kran im Niederdorf keinesfalls. Eine Frau dazu erzählt, dass als Max Bill das Monument geplant hatte, hat die Öffentlichkeit ihn mit gerade dieser Begründung abgelehnt, es sei keine Kunst. Das Urteil der Öffentlichkeit verändert sich also innerhalb einigen Jahrzehnten. Passt jetzt das Monument?
Vielleicht war das die Meinung vieler zu den neuen Fenstern der Grossmünster: sie passen nicht. Die vierte Station unseres Spaziergangs war die Grossmünster. Die fand ich ganz interessant. Wie passen diese neuen modernen Fenster in den ca. tausend Jahre alten sakralen Bau? Falls sie potenzielle Mitglieder der protestantischen Kirche ansprechen, und Gegenwart und Zukunft vereinbaren wollen, ist das eine spannende Unternehmung.
Die Geschichte der Fenster beginnt 2005 mit einem von der katholischen Kirchgemeinde ausgeschriebenen Wettbewerb, das der Deutsche Sigmar Polke gewinnt. Den Auftrag, Polkes anspruchsvolle künstlerische Entwürfe umzusetzen, hat die Zürcher Glasfirma Mäder AG erhalten. In einem Artikel setzt sich das Forum (15.10.09), das Pfarrblatt der katholischen Kirchgemeinde im Kanton Zürich mit den verschiedenen Phasen des dreijährigen Prozesses von Polkes Entwürfen über die vertieften Fachkenntnisse verlangende Arbeit der Glasatelier unter der Leitung von Urs Rickenbach bis zum Einweihungsgottesdienst am 18. Oktober 2009. Im Artikel erfahren wir interessante Fakten über die alten und modernen Arbeitstechniken oder über die thematischen Anordnung und theologischen Inhalt der Glasplatten bzw. Achatfenstern. Die SonntagsZeitung vom 11. Oktober 2009 zählt Fenster der Grossmünster zur Kunstattraktionen Zürichs. Tatsächlich rauben die neuen Fenster einem den Atem. Hoffentlich haben die Gläubigen so viel Spass an ihnen, wie die Touristen.

Die fünfte Station des Spaziergangs hat mich überzeugt, ab jetzt ausschliesslich an von Fachpersonen organisierten Veranstaltungen teilzunehmen. Ein Mann hat uns zwei Innenhöfe im Niederdorf gezeigt, aber die Verbindung zwischen ihnen und dem Konzept ist für mich immer noch unklar. Daher, und um weitere mögliche Peinlichkeiten zu vermeiden, habe ich mich lautlos von der Gruppe verabschiedet. Ich hatte einfach Angst noch mehr sinnlose Äusserungen hören zu müssen, nahm also Kurs aufs Kunsthaus um unter vertrauten Meistern wieder Standpunkt zu finden.






(Da ich dieses Bild im Internet leider nicht finden konnte, musste ich eine schwarz-weisse Kopie einscannen.)

